Kánon literatury pro doktorské studium

Vorbemerkung:

Im nachfolgenden Kanon sind keine Schriften von derzeitigen Angestellten des Lehrstuhls für Germanistik bzw. der Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur verzeichnet. Da es sich hierbei um einen kommentierten Kanon handelt, in dem Vorzüge und Leistungen der jeweiligen Bücher positiv herausgehoben werden sollen, war die Gefahr panegyrischer Auswüchse zu groß. Es wird stillschweigend davon ausgegangen, daß die Doktoranden die einschlägigen Publikationen ihrer Betreuer und die der Arbeitsstelle kennen.

1. Monographien:

Bassler, Moritz: Die Entdeckung der Textur. Unverständlichkeit in der Kurzprosa der emphatischen Moderne 1910 – 1916. Tübingen: Niemeyer, 1994.
Der Wert des Buches besteht nicht nur darin, daß die spannendsten und häufig interpretiterten (da „unverständlichen“) Texte der Moderne (Kafka, Einstein, Lasker-Schüler, Sack, Kandinsky, Adler, Döblin u.a. – die gerne als „Unterrichtsgegenstand“ gewählt werden) auf intellignete Weise interpretiert werden, sondern auch darin, daß versucht wird, den Mechanismus der modernen Unveständlichkeit zu enthüllen.

Battenberg, Friedrich: Das europäische Zeitalter der Juden. Bd. 2. (1650-1945), Darmstadt: WBG, 2000.
Die Geschichte der Juden in Europa sollte – finde ich – ein Teil der Allgemeinbildung Olmützer Doktoranden sein.

Bauman, Zygmunt: Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit. Hamburg: Hamburger Edition, 2005.
Unter den zahrleichen Theorien der Moderne (Barz, Vietta, Münch ...) nimmt Zygmunt Baumans „Moderne und Ambivalenz“ eine spezifische Stellung ein, denn sie ist primär ein Versuch zu erklären, warum das „Projekt der Moderne“ von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Dieses Scheitern ist nach Bauman paradoxerweise das Resultat der unermüdlichen Versuche, die Kontingenz durch immer detailliertere und umfangreichere Klassifizierungen aus der Welt zu schaffen. Es sind jedoch gerade diese Versuche um Klarheit und Übersichtlichkeit, die immer neue Ambivalenz erzeugen und die, wie Bauman zeigt, in ihren extremen Formen zur Totalität und zum Massenmord führen. Dass sich Bauman in seiner Arbeit auch mit literarischen Texten auseinandersetzt (so z.B. mit Kafkas Werk), macht seine Moderne-Theorie für die Literaturwissenschaft noch interessanter.

Bhabha, Homi K.: Die Verortung der Kultur. Tűbingen: Stauffenburg Verlag, 1990.
Der „kritische Postkolonialist“ präsentiert in dieser Aufsatzsammlung grundlegende Gedanken zu seinem Konzept von Identität, sozialer Wirkung und nationaler Zugehörigkeit: Zentrales Thema ist dabei immer wieder seine Theorie der „kulturellen Hybridität“, welche er entscheidend weiter ausbaut. Er verwendet in seiner Argumentation u.a. Konzepte wie Mimikry und Liminalität, um seinen Standpunkt, dass Kultur tatsächlich umso produktivster ist, je höher ihr Grad an Ambivalenz erscheint. Dahinter steht nicht nur ein intellektuelles, sondern ein ausdrűcklich auch politisches Anliegen.
Interessant kann dieses Buch fűr all diejenigen sein, welche sich mit Fragen kultureller Identitätsbildung, insbesondere im Rahmen von multikulturellen Kontexten auseinandersetzen.

Eagleton, Terry: Ästhetik. Die Geschichte ihrer Ideologie. Stuttgart: Metzler, 1994.
Der britische Philosoph und Literaturtheoretiker Terry Eagleton gehört zweifelsohne zu den bekanntesten und einflussreichsten Literaturwissenschaftlern der Gegenwart – erinnert sein nur an seine in zahlreichen Auflagen und Übersetzungen erschienen „Einführung in die Literaturtheorie“. In „Ästhetik. Die Geschichte ihrer Ideologie“ legt Eagleton zwar keine vollständige Geschichte der Ästhetik vor, aber der Schwerpunkt seiner Arbeit, der mit wenigen Ausnahmen (v.a. Shaftesbury, Hume und Burke) auf der deutschsprachigen Entwicklungslinien der ästhetischen Theorien seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (einerseits von Hegel und Marx zu Benjamin und Adorno, andererseits von Schoppenhauer über Nietzsche zu Heidegger) liegt, macht sein Buch für jeden Germanisten unentbehrlich, der sich mit den Wechselbeziehungen zwischen Ästhetik, Ethik und Politik befasst.

Greverus, Ina-Maria: Der territoriale Mensch. Ein literaturanthropologischer Versuch zum Heimatphänomen. Frankfurt a.M.: Athenäum, 1972.

Greverus geht in ihrer Schrift einen für die Literaturwissenschaft ungewöhnlichen Weg. Für sie ist der Themenkomplex Heimat im weitesten Sinne zunächst eine anthropologische Konstante, die gewisse Ängste und Bedürfnisse weckt. Daraus entstehen Differenzen und Defizite, die von der Literatur dargestellt werden. Greverus verfolgt die gelungenen und gescheiterten Lösungsversuche des Heimatproblems anhand von 4 Themengruppen (Abschied der Braut, Trennungssituation des Soldaten, Auswanderung und Zwangswanderung/Internierung) von der Literatur des Mittelalters bis zur Moderne. Das Buch ist damit m.E. der erste wissenschaftliche Beitrag zum heute aktuellen Problem der Migrationsliteratur. Leider wurde der literaturanthropologische Ansatz in der Literaturwissenschaft kaum mehr weitergeführt bzw. von der Literatursoziologie vereinnahmt.
Besonders hinzuweisen ist auf den Abschnitt II (S. 17-55), in welchem Greverus den Forschungsstand zu ihrem Thema und damit zugleich sehr geschickt ihren Forschungsgegenstand umreißt.

Haß, Ulrike: Militante Pastorale. Zur Literatur der antimodernen Bewegung im frühen 20. Jahrhundert. München: Fink, 1993.
Zur Literatur der „antimodernen Bewegung“ aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es inzwischen zahlreiche Darstellungen, die von unterschiedlichen theoretischen Ansätzen ausgehen. Jenseits aller dieser Theorien entwickelt Ulrike Haß eine eigene Position, die von der These ausgeht, dass es in der Literatur des „Antimodernismus“ zur Aktualisierung der von Georges Dumézil beschriebenen Verteilung der Gesellschaft auf „Krieger“, „Priester“ und „Bauer“, also eines „Schemas“, das auch das Mittelalterliche Gesellschaftsbild bestimmt hat.
Bemerkenswert ist an Haß’ Arbeit aber auch der Versuch, die Selbstinszenierungsstrategien der einzelnen Autoren sowie ihre „Taktik“ der Leserbeeinflussung zu erläutern. Am interessanten ist jedoch wohl die „unorthodoxe“ Sprache, die sie benutzt und die sich mit ihrer ausgeprägten Bildlichkeit deutlich von den gängigen Formen des Wissenschaftsdeutschen unterscheidet.

Johnsotn, William M.: Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848 bis 1938. Wien: Böhlau, 1980.
Die bereits 1872 unter dem Titel „The Austrian Mind – An Intellectual and Social History 1848–1938“ publizierte Arbeit des amerikanischen Historikers William M. Johnston gilt bis heute als eine fundamentale Darstellung der kulturellen, geistigen, sozialen und politischen Prozesse in der Habsburger Monarchie und ihren Nachfolgestaaten in der zweiten Hälfte des 19. und den ersten vier Dekaden des 20. Jahrhunderts. Da Johnston sehr ausführlich auch das geistige Leben in Böhmen und Mähren analysiert und dabei auf oft fast vergessene Schriftsteller, Philosophen, Historiker ... eingeht, kann man sein „Opus“ auch als Quelle bei der Suche nach interessanten, heute (oft zu unrecht) vernachlässigten Autoren benutzen.
Außerdem stellt Johnston zahlreiche folgenschwere Thesen zur Entwicklung der Kultur und Wissenschaft im Mitteleuropa des 20. Jahrhunderts auf, dessen Überprüfen bis heute ausgeblieben ist – so z.B. die These, dass Europa nach 1945 kaum originelle und innovative Denker vorgebracht hat, weil sie mit der Marginalisierung Wiens nach dem Ersten Weltkrieg eines der wichtigsten Zentren des nominalistischen Denkens verlor.

Lethen, Helmut: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen. Frankfurt a.M: Suhrkamp, 1994.
1994 veröffentlichte Helmut Lethen mit „Verhaltenslehren der Kälte“ eines der einflussreichsten und am meisten gelesenen literaturwissenschaftlichen Werken der letzten zwanzig Jahre und veränderte entscheiden das etablierte Bild der Literatur und Kultur der Weimarer Republik. Sein anthropologischer Zugang, mit dem er sowohl die zentralen Menschenbilder dieser Zeit („kalte Persona“, „Radar-Typ“ und „Kreatur“) rekonstruiert, als auch erstaunliche Ähnlichkeiten zu „Verhaltenslehren“ des Barock (Gracians „Handorakel“) aufzeigt, sorgt nicht nur für eine unterhaltsame Lektüre, sondern auch für theoretische Anregungen nicht nur beim Umgang mit Texten der Neuen Sachlichkeit. Unter den von Lethen analysierten Werken finden sich u.a. Arbeiten von Bertolt Brecht, Ernst Jünger, Walter Serner oder Marieluise Fleißer.

Lindner, Martin: Leben in der Krise. Zeitromane der Neuen Sachlichkeit und die intellektuelle Mentalität der klassischen Moderne, mit einer exemplarischen Analyse des Romanwerks von Arnolt Bronnen, Ernst Glaeser, Ernst von Salomon und Ernst Erich Noth. Stuttgart: Metzler, 1994.
In seiner grundlegenden, auch wenn leider oft übersehenen Arbeit zur „Lebensideologie“ rekonstruiert Martin Lindner sehr ausführlich das lebensideologische „Schema“ , nach dem das Leben in allen seinen Bereichen von einer grundsätzlichen Polarität zwischen einer irrationalen, energiespendender Tiefe und einer zur Erstarrung tendierenden Oberfläche bestimmt wird. Die Oberfläche mit ihren festen Formen ist zwar ein „Produkt“ der Tiefe, sie tendiert aber dazu zu „verkrusten“ und so die aus der Tiefe kommenden Impulse zu behindern. Gerade durch diese Konstellation werden Krisen definiert – das durch die erstarrte Oberfläche behinderte Leben sucht neue Wege, durchbricht die Oberfläche, um nach gewisser Zeit wieder das Konsolidieren einer neuen Oberflächenstruktur zu erlauben.
Lindner legt präzise dar, dass ohne die Verständnis dieses Theorems und der typischen, lebensideologischen Figuren ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der klassischen Moderne verloren geht. Auf den theoretischen Teil folgt eine Analyse der Werke Arnolt Bronnens, Ernst Glaesers, Ernst von Salomons und Ernst Erich Noths, in der die Signifikanz des oben angedeuteten Ansatzes beim Umgang mit literarischen Texten demonstriert wird.

Mecklenburg, Norbert: Erzählte Provinz. Regionalismus und Moderne im Roman, Königstein/Taunus: Athenäum 1982, 2. Auflage 1986.

Műller-Funk, Wolfgang/ Plener, Peter/ Ruthner, Clemens (Hg.): Kakanien revisited: Das Eigene und Fremde (in) der österreichisch-ungarischen Monarchie. Tűbingen: Francke, 2002.
Es handelt sich hier um eine Sammlung von Aufsätzen, welche sich unter einem durchwegs kulturwissenschaftlichen (manchmal unter dem Versuch der Anwendung einer postkolonialistischen Diktion) geprägten Blickwinkel mit dem kulturellen Leben, wie auch sozialgeschichtlichen Entwicklungen innerhalb der Provinzen der Donaumonarchie beschäftigen. Zentral ist hierbei immer wieder der Versuch, Selbst- und Fremdbilder entweder der österreichisch-deutschen Gruppe von einer „anderen“ bzw. vice versa aufzuzeigen.
Die in fűnf Abteilungen gruppierten Beiträge umfassen ein breites Spektrum, von der Kulturwissenschaftstheorie űber Literaturwissenschaft, Politologie, Geschichtswissenschaft und Philosophie.
Interessant erscheint bei dieser Textsammlung – neben der „kakanischen“ Grundthematik – der Versuch der Herausgeber, mit diesem Projekt (s. auch den online-Auftritt des „Mutterschiffs“ dieses Bandes: www.kakanien.ac.at ) eine theoretische und praktische Neubetrachtung der Literatur(en) der Habsburgermonarchie unter dem Vorzeichen „neuer“ Paradigmata (wie eben Kulturwissenschaft und – auf Europa űbertragenen – Postkolonialismus) einzuleiten.

Rossbacher, Karlheinz: Heimatkunstbewegung und Heimatroman. Eine Literatursoziologie der Jahrhundertwende. Stuttgart: Klett, 1975.
Die literatursoziologischen Methoden - so belastet sie durch die marxistische Literaturwissenschaft der sozialistischen Jahre in unserern Landen auch sind – sind trotzdem ein guter Schlüssel zum Darstellen unserer mährischen Literatur. Rossbachers Buch ist ein gut lesbarer Klassiker in dieser Sparte.

Ruthner, Clemens: Am Rande. Kanon, Kulturökonomie und die Intertextualität des Marginalen am Beispiel der (österreichischen) Phantastik im 20. Jahrhundert. Tübingen: Francke, 2004.
In sechs Kapiteln entwickelt Clemens Ruthner eine bedeutende und gut fassbare Theorie des Kanons, der er an Fallbeispielen aus der österreichischen phantastischen Literatur des 20. Jahrhunderts appliziert. Die Fragen nach De-, und Rekanonisierung, nach der Beziehung
zwischen Zentrum und Peripherie, nach der „Kulturökonomie“ im Allgemeinen, die anhand von verständlich präsentierten kulturwissenschaftlichen und soziologischen Ansätzen (v.a. Pierre Bourdieu und seine Theorie des „kulturellen Kapitals“) erläutert werden, sind für jeden von Bedeutung, der sich mit Autoren oder Gruppen beschäftigt, die sich am Rande (oder sogar völlig außerhalb) des Kanons befinden.

Said, Edward: Orientalismus. Frankfurt a.M.: Ullstein, 1981.
Im Zentrum der Analyse Saids (erstmals erschienen 1978) steht die Aufdeckung der
Bilder/Stereotype, welche in der westlichen (bei ihm vor allem britischen und französischen) Vorstellungswelt űber den Orient entworfen worden sind. Dadurch, dass die Kontexte dieser kulturellen (v.a. literarischen) Zuschreibungen dargestellt werden, soll die Artifizialität des
űber den „geheimnisvollen Orient“ und die „wilden Orientalen“ bis heute fortdauernden „Herrschaftswissens“ in seiner Brűchigkeit aufscheinen.
Die Lektűre von Said bietet Einblick in die Grundlagen postkolonialistischen Denkens, wobei Sprachgebrauch und Methodik transparenter und nachvollziehbarer erscheinen als in den Werken Bhabhas oder Spivaks. Wer sich mit Fragen zu Kultur und Identität auseinandersetzt, und nach einem Paradigma sucht, welches sich zwar mit keinem kopier- und sofort anwendbaren Programm präsentiert, jedoch neue Perspektiven bietet, findet mit Said eine anregende Lektűre. Eine tschechische Übersetzung (von Petra Nagyová) ist 2008 im Verlag Paseka erschienen.

Scheffel, Michael: Magischer Realismus. Die Geschichte eines Begriffes und ein Versuch seiner Bestimmung. Tübingen: Stauffenburg, 1990.
Wie Haumann als Paradebeispiel für eine Autorenmonographie ausgewählt wurde, gilt dies für Scheffel im Bereich der Epochendarstellung. Der magische Realismus ist sozusagen die zweite Ebene der Zwischenkriegsepoche der deutschen Literatur, die häufig als Neue Sachlichkeit bezeichnet wird. Aufgrund einer genauen Analyse der Herkunft des Begriffs Magischer Realismus aus der Kunstwissenschaft kommt Scheffel zunächst zu dem Ergebnis, daß beide Begriffe annähernd gleichzeitig entstanden und sich schon von Beginn an in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit überlappten. Insofern versteht er den Magischen Realismus als besondere künstlerische Ausdrucksform der Beschreibung der Welt unter den Gegebenheiten eines rationalen Zeitalters. Der Begriff wird also weniger als eigenständiger Epochenbegriff verstanden denn als Schreibweise, die Scheffel dann recht kompakt von den 1920er Jahren bis in die unmittelbare Zeit nach dem 2. Weltkrieg anhand ausgewählter Romane verfolgt. Besonders überraschend ist der Einfluß des Magischen Realismus auf wichtiger Vertreter der Gruppe 47 (Hans Werner Richter u.a.).

Schumann, Andreas: Heimat denken. Regionales Bewußtsein in der deutschsprachigen Literatur zwischen 1815 und 1914. Köln: Böhlau, 2002.
Schumanns Arbeit zeigt, daß man, trotz einer fast unüberschaubaren und durchaus disparaten Quellenbasis, zu einer konzisen Darstellung kommen kann. Er wertet in seiner Habilitationsschrift über 200 Lyrikanthologien aus dem langen 19. Jahrhundert aus, die sich thematisch mit einer bestimmten Region oder einer Stadt auseinandersetzen. Dadurch gelangt er einerseits zu einer Definition dessen, was für einen gebildeten Bürger Deutschlands, der Habsburger Monarchie oder m.E. auch der Schweiz Heimat bedeutete, andererseits zeigt er Anlässe (Jubiläen, Herrscherlob usw.), Funktionsweise und inhaltliche Differenzierungen der jeweiligen Anthologien. Besonders interessant ist die These, dass anhand der Gedichte kaum zu entscheiden ist, welche Region gerade angesprochen wird, zumeist nur Grobunterscheidungen (Gebirge, Meer, Stadt, Land) möglich sind. Am Schluß der Monographie erweitert Schumann sein Bearbeitungsfeld durch eine Betrachtung über Regionalismus und Nationalphilologie (wodurch er an Jürgen Fohrmann: Das Projekt der deutschen Literaturgeschichte anschließt) und eine kritische Einordnung des Phänomens Heimatliteratur in die europäische Moderne.

Tebartz-van Elst, Anne: Ästhetik der Metapher. Zum Streit zwischen Philosophie und Rhetorik bei Friedrich Nietzsche. Freiburg: Alber, 1994.

Vietta, Silvio: Die literarische Moderne. Eine problemgeschichtliche Darstellung der deutschsprachigen Literatur von Hölderlin bis Thomas Bernhard. Stuttgart: Metzler, 1992.
Eine spannend geschriebene, typische „Professoren-Studie“, d.h. der alternde Professor zeigt seine umfassende Bildung in Sachen deutsche Literaturgeschichte (von der Aufklärung rauf zur neuesten Literatur) und kann sich auch Streitbares erlauben. Hatte mit diesem Buch vor Jahren große Erfolge in Literaturseminaren.

Wünsch, Marianne: Die fantastische Literatur der frühen Moderne. München: Fink, 1991.
In fast strukturalistischer Weise zerlegt Wünsch das weite Feld der sog. Phantastischen Literatur in einzelne Gattungen und Genres. Ihr Ziel ist es, die eigentliche Phantastik von benachbarten oder quasibenachbarten Genres und Weltanschauungen (Utopie, Science Fiction, Okkultismus, Spiritismus) zu isolieren. Als Unterscheidungsmerkmal verwendet sie das Verhältnis der literarischen Fiktion zur Realität. Um die analysierten Werke und Autoren nicht mit einer gegenwartsbezogenen Perspektive zu überlasten, rekonstruiert sie zu Beginn ihrer Arbeit den zeitgenössischen Kenntnisstand in Naturwissenschaft, Technik und Religion, der ihr im weiteren als Korrekturmaßstab dient.
Auch für Leser, die sich nicht für Phantastik und/oder Moderne interessieren, ist die Arbeit ein gutes Beispiel dafür, wie man einen Forschungsgegenstand mittels Kategorien und Subkategorien differenziert und definiert. Auch wenn die Phantastikforschung in der Folge
über die Arbeit von Wünsch inhaltlich vorangeschritten ist, werden ihre methodologischen Überlegungen und ihre präzisen Definitionen weiterhin gern benutzt.

2. Biographien:

Haumann, Wilhelm: Paul Kornfeld. Leben - Werk - Wirkung. Würzburg: Könighausen&Neumann, 1996
Haumanns voluminöse Arbeit zu Kornfeld ist ein Paradebeispiel für die umfassende Beschreibung und Bewertung eines Autors. Sie veranlaßte sogar den ewig kritischen Armin Wallas zu seiner ersten und wohl einzigen hymnischen Rezension.
Die Person Kornfelds eignet sich als leitendes Paradigma für viele Dissertationen, die sich innerhalb der regionalen Literaturforschung dem Gesamt- bzw. Teilwerk eines einzelnen Autors widmen.
Kornfeld ist in der Germanistik beileibe kein Unbekannter. In den Forschungen zur Prager deutschen Literatur und vor allem zur frühen theoretischen Phase des Expressionismus hat er seinen festen Platz.
Allerdings wurde dadurch der Blick auf das Gesamtwerk verstellt. Dadurch befindet sich Kornfeld in der wissenschaftlichen Grauphase, die auch viele Autoren der deutschmährischen Literatur kennzeichnet. Haumann gelingt es nun erstmals Kornfeld in seiner ganzen Bedeutung zu würdigen. Dabei beschreitet er methodisch einen ganz einfachen, traditionellen Weg. Er arbeitet das Werk Kornfelds chronologisch ab, indem er jeder wichtigen Publikation ein eigenes Kapitel widmet. Trotzdem werden im Text- und vor allem im Anmerkungsteil vielfache Querverbindungen aufgezeigt, die immer auch einen neuen Blick auf die anderen Werke ergeben. Vorbildlich ist dabei auch die Einbettung der Literatur in religionswissenschaftliche, historische oder theatergeschichtliche Kontexte der Zeit.
Wer sich über Niveauunterschiede in den Geisteswissenschaften orientieren will, kann die Monographie Haumanns mit der gleichzeitig entstandenen Dissertation von Markus Weber: Expressionismus und Neue Sachlichkeit. Paul Kornfelds literarisches Werk. Frankfurt/Main Lang 1997 vergleichen.

Lethen, Helmut: Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit. Berlin: Rowohlt, 2006.
Auf die Bedeutung Gottfried Benns für die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts hinzuweisen, wäre freilich überflüssig. Helmut Lethen legt mit seinem Benn-Buch jedoch keine typische Monographie mit grundlegenden Daten zu Benns Leben und Werk vor, sondern versucht sich im Genre der „intellektuellen Biographie“, bei der Benns Leben zwar nicht völlig ausgeklammert wird, der Schwerpunkt jedoch v.a. auf der Darstellung der einzelnen Werken und ihres kulturellen Kontexts liegt. So entsteht ein Mosaik, das auch als eine Ideen-, Geistes- und Kulturgeschichte der ersten Hälfte des zwanzigstens Jahrhunderts gelesen werden kann. Ein origineller Zugang, dessen Kenntnis für jeden von Bedeutung ist, der an einer Monographie (egal zu welchem Autor) arbeitet.

3. Aufsätze, Auszüge... :

Adorno, Theodor W./ Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt a.M.: Fischer, 1969, Kap. 1.
Ein Stück moderne Philosophie, das auch für Leien (wie mich) gut lesbar ist und durch seine Verve die Fähigkeit besitzt, unsere – durch die Aufklärung geprägte – Weltanschauung zu korrigieren oder zumindest zu hinterfragen.

Alewyn, Richard: Brentanos Geschichte vom braven Kasperl und dem schonen Annerl. In: Alewyn, Richard: Probleme und Gestalten. Essays. Frankfurt a.M.: Insel, 1974, S. 133-197.
Ein herausragendes Beispiel textimmanenter Interpretation und auch eine abenteuerlich spannende, hoch intelligente Lektüre.

Assmann, Aleida: Was sind kulturelle Texte? In: Poltermann, A. (Hg.): Literaturkanon - Medienereignis - kultureller Text. Formen interkultureller Kommunikation und Übersetzung. Berlin: Erich Schmidt, 1995, S. 232-244.

Berger, Michael: Von der böhmischen Heimat ins sudetendeutsche Grenzland. Differenzierungsprozesse in der deutschböhmischen Literatur von 1848 bis 1939. In: Brücken NF 3 (1995), S. 241-277.
Bergers Aufsatz ist eine kenntnisreiche Überblicksdarstellung über die Entwicklung der deutschböhmischen und deutschmährischen Literatur innerhalb ihres Kernzeitraums. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Blasberg, Cornelia: Der literarische Eigensinn narrativer Geschichtskonstruktionen. Das Beispiel der Literaturgeschichtsschreibung. In: Fulda, Daniel/ Tschopp, Silvia Serena (Hg.): Literatur und Geschichte. Ein Kompendium zu ihrem Verhältnis von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Berlin/ New York: de Gruyter, 2002, S. 103-123.


Bosse, Anke: Orientalismus im Frühwerk Ludwig Tiecks. In: Schmitz, Walter: Ludwig Tieck. Literaturprogramm und Lebensinszenierung im Kontext seiner Zeit. Tübingen: Niemeyer, 1997, S. 43-62.
Das für die Romantik typische Motiv des Orients wird von Anke Bosse anhand des von Edward Said entwickelten Orientalismus-Ansatzes untersucht, wobei sich sowohl Möglichkeiten als auch Schwierigkeiten beim dessen Applizieren auf die Literatur der Romantik zeigen.

Cowan, Michael: „Gymnastics of the Will”: Abulia and Will Therapy in Modern German Culture. Kulturpoetik 5:2 (2005), S. 169-89.
Die Begriffe „Neurasthenie“, „Willensschwäche“ bestimmten am Ende des 19. und in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts in Deutschland nicht nur den medizinischen Diskurs, sondern wirkten maßgeblich auch auf viele Diskussionen in Kultur und Politik ein. Cowans kulturwissenschaftlicher Zugang beweist, wie gewinnbringend die Kenntnis dieses Diskurses beim Umgang mit Texten des Expressionismus und der neuen Sachlichkeit sein kann.

Eco, Umberto: Die Struktur des schlechten Geschmacks. In: Eco, Umberto: Im Labyrinth der Vernunft. Texte über Kunst und Zeichen. Leipzig: Reclam, 1999, S. 246-294.
Obwohl (oder vielleicht gerade weil) es unzählige Theorien des „Kitsches“ und des „schlechten Geschmacks“ gibt, werden in der Literaturwissenschaft nur wenige Begriffe so ungenau gebraucht wie gerade „Kitsch“. Umberto Eco konzentriert sich bei seiner Analyse dieses Phänomens v.a. auf die Wirkung von Stilmitteln in unterschiedlichen Strukturen und verknüpft seine Ausführungen mit Überlegungen zur Theorie der „Massenkultur“.

Ernst, Ulrich: Sprachmagie in fiktionaler Literatur - Textstrukturen, Zeichenfelder, Theoriesegmente. In: Arcadia 30 (1995). S.113-185.
Der Text bietet eine umfassende Übersicht über unterschiedlichen Formen und historische Entwicklung der „Sprachmagie“ in fiktionalen Texten - von „magischer Oralität“, über „Sprachmagie und Mathematik“ bis zu „magische Schriftlichkeit“. Diskutiert werden Texte aus fast allen Epochen und Sprachen der Weltliteratur.

Escher, Georg: Prager femmes fatales – Stadt, Geschlecht, Identität. www.kakanien.ac.at/beitr/fallstudie/GEscher1/

Foucault, Michel: Was ist ein Autor? In Foucault, Michel: Schriften zur Literatur. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2003, S. 234-270.
Der von Michael Foucault 1969 am Collège de France gehaltene Vortrag gehört zu den wichtigsten Zeugnisse der Geistes- und Wissenschaftsgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Die Aufforderung zur Aufgabe der Instanz „Autor“ beim Umgang mit sowohl literarischen als auch nicht literarischen Texten zugunsten der Analyse von „Diskursen“ markiert (nicht nur) in der Entwicklung der Literaturwissenschaft eine Wende, deren Tragweite kaum überschätzt werden kann.

Frenschkowski, Marco: Ist Phantastik postreligiös? Religionswissenschaftliche Beiträge zu einer Theorie des Phantastischen. In: Ruthner, Clemens/ Reber, Ursula/ May, Markus (Hg.): Nach Todorov. Tübingen: Francke, 2006, S. 31-51.
Die Phantastikforschung ist eine Spielwiese für die Erprobung neuer und die Wiederbelebung alter Methoden der Literaturwissenschaft. In diesem Falle zeigt Frenschkowski wie die Interpretation literarischer Texte von den Ergebnissen und Methoden der Religionswissenschaft profitieren kann. Als einer der wenigen propagiert er auch den umgekehrten Einfluß.

Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. Frankfurt a.M.: Fischer, 1994, Kap. V.
Wie u.a. Peter Matt in „Literaturwissenschaft und Psychoanalyse“ dargelegt hat, entwickelt Sigmund Freud bei seiner „Analyse“ des „Ödipus“ und des „Hamlet“ im V. Kapitel der Traumdeutung sowohl die Grundlagen für einen psychoanalytischen Umgang mit Literatur als auch zentrale Thesen zur Entwicklung der Kultur, die vieles aus seinen späteren Arbeiten (v.a. aus „Das Unbehagen in der Kultur“) vorwegnehmen. Daher kann die Lektüre dieses Abschnitts u.a. als ein Einstieg in die psychoanalytische Literatur- und Kulturtheorie
fungieren.

Magris, Claudio. Prag als Oxymoron. In: Neohelicon. Acta comparationis litterarum universarum 7 (1979/80), Bd. 2. S., 11-65.
Einer der Texte, der den Boom um die Prager deutsche Literatur einleitete. Ein typischer Magris: feuerwerkartiges Spiel mit Metaphern, das nicht immer gut recherchierte Fakten und nicht immer sehr haltbare Thesen verdeckt und den Leser glauben macht, daß es so alles stimmt. Eine Methode, die unbedingt zu lernen ist, auch wenn die Meisterschaft Magris´ wohl nicht zu erreichen ist.

Garber, Klaus: Literaturgeschichte als Memorialwissenschaft. In: Schmidt-Dengler, Wendelin (Hg.): Stimulus Beiheft 1 (1997), S. 39-53.
Garbers gnadenlose Abrechnung mit der Literaturgeschichtsschreibung der letzten 50 Jahre (und seiner Fachkollegen) ist zugleich ein hochemotionales Plädoyer für eine regionale, nach philologischen Gesichtspunkten vorgehende Literaturwissenschaft. Anhand weniger Beispiele macht er deutlich, was Germanistik leisten kann, wie sie vorgehen muß und was keinesfalls weiterhin geschehen darf.

Groys, Boris: Im Namen des Mediums. Kunst und Politik der Avantgarde. In: Groys, Boris: Topologie der Kunst. München/ Wien: Carl Hanser, 2003, S. 221-231.
Der Literaturwissenschaftler, Philosoph und Medientheoretiker Boris Groys gehört zu den größten Kennern der klassischen Avantgarde, mit der sich u.a. auch sein viel gelesenes Buch „Das Gesamtkunstwerk Stalin“ befasst. In diesem Aufsatz werden seine wichtigsten Thesen
zum „Wesen“ der Avantgarde zusammengefasst.

Hackl, Wolfgang: Erzählte Fremdheit. Zu Robert Musils Novelle „Grigia“. alo.uibk.ac.at/filestore/servlet/GetFile
Der Aufsatz erschien 2002 in den vom Innsbrucker Brenner-Archiv herausgegebenen „Mittelungen aus dem Brenner-Archiv“ (dessen aktuelle und auch ältere Ausgaben sind nachzulesen unter www.uibk.ac.at/brenner-archiv/publikationen/mitteilungen.html ) und ist entstanden im Rahmen einer Habilitationsschrift mit dem Titel „Eingeborene im Paradies. Die literarische Wahrnehmung des alpinen Tourismus im 19. und 20. Jahrhundert.“

Tübingen: Niemeyer (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur), (im Druck). [=Habilitationsschrift. Innsbruck 1998]
Hackl betreibt darin – wie in seiner Habilitationsschrift – den Versuch, den Diskurs des Eigenen und des Fremden bzw. der Fremdheitserfahrung auf die in Musils Novelle dargestellte Mann-Frau-Beziehung zu űbertragen: Wie in seiner Hauptschrift spielt dabei auch die Herkunft der Frau/ ihre Charakterisierung als „Andere“ (Eingeborene) und des Mannes als desjenigen, der den „zivilisatorischen Blick“ auf sie wirft, eine Rolle.
Der Aufsatz kann als ein Versuch der Anwendung mittlerweile altbekannter Begrifflichkeiten (das Eigene und das Fremde, Fremdheit etc.) auf einen dem Forschungsumfeld der Arbeitsstelle verwandten Text verstanden und ebenso als Beispiel dafűr, wo die Anwendungsunschärfen oben genannter Begrifflichkeiten in der Praxis liegen.

Heyl, Bettina: Der Teufel zwischen Heilsgeschichte und Groteske. Oder: Wann gehört ein historischer Roman zur literarischen Moderne? In: Fulda, Daniel/ Tschopp, Silvia Serena (Hg.): Literatur und Geschichte. Ein Kompendium zu ihrem Verhältnis von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Berlin/ New York: de Gruyter, 2002, S. 489-515.

Höhne, Steffen: Der Bohemismus-Diskurs zwischen 1800 und 1848/49. In: Brücken Neue Folge 8 (2000), S. 17-45.
In diesem Aufsatz fasst Höhne die Ergebnisse eines Projektes der deutschen Forschungsgemeinschaft kompakt zusammen, das erstmals die viel wiederholte These kritisch hinterleuchten wollte, daß sich der aggressive Nationalismus erst eine Erscheinung nach den europäischen Revolutionen in der Mitte des 19. Jahrhunderts gewesen sei. Höhnes Arbeit ist ein gutes Beispiel für die Anwendung diskursanalytischer Verfahren in der Literaturwissenschaft, leider auch sprachlich ein ebenso guter Beleg für die Abkehr der Germanistik von allgemeinverständlichen Darstellungen. Den Stil bitte nicht in die eigenen Dissertationen übernehmen.

Holzner, Johann/ Neumayr, Elisabeth/ Wiesműller, Wolfgang: Der historische Roman in Ősterreich 1848 – 1890. In: Amann/ Lengauer/ Wagner (Hg.): Literarisches Leben in Ősterreich 1848 – 1890. Wien/Köln/Weimar: Böhlau Verlag, 2000. S. 505-523.
Eine gute Einfűhrung in die Problematik des österreichischen historischen Romans, besonders fűr all diejenigen, welche sich in ihrer Forschungsarbeit mit Exemplaren dieser Gattung beschäftigen. Der Aufsatz geht aus einem Forschungsprojekt der Universität Innsbruck hervor, im Rahmen dessen eine breite Untersuchung gerade der historischen Romane aus der Donaumonarchie vorgenommen wurde.

Jahraus, Oliver: Unrealistisches Erzählen und die Macht des Erzählers. Zum Zusammenhang von Realitätskonzeption und Erzählinstanz im Realismus am Beispiel zweier Novellen von Raabe und Meyer. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 122 (2003), Heft 2, S. 218-36.

Kaempfer, Wolfgang: Die Erfindung der Vergangenheit. Zur Fragwürdigkeit von Tradition. In: Mythos Neanderthal. Ursprung und Zeitenwende. Frankfurt a.M./New York: Campus, 2001, S. 116.
Zu den wichtigsten „Strategien“ bei der Etablierung der nationalen Bewegungen gehörten (und gehören) Versuche, den Zusammenhalt der jeweiligen „Nation“ durch Hinweisen auf lange und glorreiche „Traditionen“ zu stärken. Diese sind jedoch nur in den wenigsten Fällen authentisch, meistens handelt es sich um „Erfindungen“ aus dem 18. oder 19. Jahrhundert, die die Gruppenidentität erst stifteten. Ein Moment, das für jeden von Bedeutung ist, der sich z.B. mit Texten beschäftigt, in denen der deutsch-tschechische Konflikt und/oder die
entsprechenden Fremd- und Eigenbilder thematisiert werden.

Karady, Viktor: The "Smart Jew" in pre-1919 Hungary - Educational Investments and Cultural Assimilation. www.kakanien.ac.at/beitr/fallstudie/VKarady1/
Abstract – zu finden űbrigens bei allen kakanien-Essays, welche auf der Plattform zu finden sind:
„Die Studie problematisiert des Verhältnis, das zwischen dem Stereotyp des "gescheiten Juden" und der jüdischen Beteiligung am Bildungswesen Ungarns herrscht. Dabei wird die jüdische über-Bildung im Kontext der Zerbrechlichkeit des kulturellen Assimilationsprozesses, der Modernisierung sowie der Urbanisierung untersucht.“
Der Aufsatz präsentiert eine kulturwissenschaftliche Analyse eines Stereotyps, welches hier zwar auf die speziell ungarische Situation anspielt, jedoch in seiner Strukturierung auch auf andere (z.B. böhmische oder mährische) geschichtliche Umfelder anwendbar ist.

Komlosy, Andrea: Innere Kolonien? Zentrenbildung und Peripherisierung in der Habsburgermonarchie. www.kakanien.ac.at/beitr/fallstudie/AKomlosy1/
Das folgende Abstract – wiederum auf der Website einsehbar – beschreibt detailliert, worum es im Aufsatz geht; der Diskurs um Zentrum und Periphärie wird unter anderem im Zusammenhang mit der Frage nach Zusammenhalt/Zerfall der Donaumonarchie aufgegriffen und kann ebenso (implizit) in Verbindung mit der Frage ev. “Koloniebildungen” innerhalb des Habsburgerreiches gesehen werden – eine Frage, die immer dann virulent wird, wenn es darum geht, die Legitimität der Anwendung postkolonialistischer Theorien auf Länder (auf
dieser Plattform speziell auf „Kakanien“) zu diskutieren, welche keine Kolonien in Übersee besaßen. „Waren die starken Unterschiede im wirtschaftlichen Entwicklungsstand, die die Habsburgermonarchie im 19. Jahrhundert kennzeichneten, für den Zusammenhalt des Reiches
hinderlich und schließlich für das Auseinanderbrechen verantwortlich? Oder bildete das vielseitige Geflecht von ökonomischen Abhängigkeiten, das auf dem Werttransfer zwischen Peripherien und Zentren beruhte, die Voraussetzung dafür, dass die entwickelten Teile der Habsburgermonarchie mit den westeuropäischen Industriestaaten durchaus mithalten konnten? Im Gegensatz zu diesen verfügte das Habsburgerreich über keine überseeischen Kolonien. Stellten die inneren Peripherien möglicherweise einen Ersatz für die Nichtteilnahme an der kolonialen Expansion dar? Wenn die inneren Unterschiede den 'kakanischen' Zusammenhalt stärkten, müssen freilich neue Antworten auf die Frage nach dem Zerfall gesucht werden. Dafür ist es notwendig, den ökonomischen und den politischen Zentrenbildungs- bzw. Peripherisierungsprozess miteinander in Beziehung zu setzen. In diesem Aufsatz wird das Auseinanderklaffen ökonomischer und politischer Macht, das schließlich in die Forderung nach größerer Autonomie bzw. nationaler Unabhängigkeit mündete, am Beispiel Ungarns, der böhmischen Länder und Galiziens erörtert.“

Krolop, Kurt: Die „lächerliche Nationalitätsfrage“. Österreichisch-deutsch-tschechische Aspekte eines mitteleuropäischen Problems. In: Germanistentreffen Bundesrepublik Deutschland – CSFR. Bonn: DAAD, 1993, S. 13-32.
Die Aufsätze von Kurt Krolop spiegeln das ganze Spektrum an Lust und Qual, das die Literaturwissenschaft zu bieten hat. Lust an der sprachlichen Präzision und Fabulierfreude mit der hier gewichtige Sachverhalte nicht einfach abgehandelt, sondern im großen Stil präsentiert werden, und die gleichzeitige Qual selbst nur satz- höchstens absatzweise so schreiben zu können. Das non plus ultra gegenwärtiger Wissenschaftssprache (Mommsen läßt grüßen!) und philologischer Genauigkeit. Nirgendwo lernt man schneller den Unterschied zwischen einer banalen Fußnote und einer forschungsrelevanten Anmerkung. Das gilt für fast alle Studien Krolops. Diese wurde hier deshalb ausgewählt, weil sie an einem etwas entlegenem Ort erschienen ist, und deswegen auch nicht in die Festschrift (Studien zur Prager deutschen Literatur. Wien 2005) aufgenommen wurde, deren gesamte Beiträge ich nachdrücklich zur Lektüre empfehle.

Leitgeb, Christoph: Grillparzers „Kloster bei Sendomir“ und Musils „Tonka“. Ein Sprachstilvergleich. In: Sprachkunst XXV (1994), S. 347-371.
Die Studie zeigt, wie man von der Analyse der sprachlichen und stilistischen Seite eines Kunstwerks (besondere Konzentration liegt auf dem Texteinstieg und der verwendeten sprachlichen Ausformulierung der Motivstruktur) zu der Makrostruktur des Textes (bzw. auf den Autor bezogen des Themenkomplexes) voranschreitet. Durchgeführt wird dies an zwei zeitlich weit auseinanderliegenden, aber inhaltlich ähnlichen Texten. Der Aufsatz bietet somit auch anschaulich dar, wie man unterschiedliche Texte literaturwissenschaftlich vergleichbar macht.

Linder, Michael und Ort, Claus-Michael: „Recht auf den Tod“ – „Pflicht zum Sterben“. Diskurse über Tötung auf Verlangen, Sterbehilfe und „Euthanasie“ in Literatur, Recht und Medizin des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In: Barsch, Achim und Hejl, Peter M. (Hg.): Menschenbilder. Zur Pluralisierung der Vorstellung von der menschlichen Natur (1850-1914). Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2000, S. 260-319.
Eine exemplarische Anwendung des diskursanalytischen Ansatzes an die im Titel angesprochene Thematik (herangezogen werden u.a. auch Texte von Marie von Ebner-Eschenbach). Anregend für jeden, der sich mit der Diskursanalyse beschäftigt/ beschäftigen will und nach Beispielen sucht, in denen dieser Ansatz „praktisch“ umgesetzt wird.

Műller-Funk, Wolfgang: Das Eigene und das Andere / Der, die, das Fremde. Zur Begriffsklärung nach Hegel, Levinas, Kristeva, Waldenfels. www.kakanien.ac.at/beitr/theorie/WMueller-Funk2/

Pauen, Michael: Dithyrambiker des Untergangs. Gnosis und die Ästhetik der Moderne. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 40 (1992) Heft 8, S. 937-961.
Der Aufsatz ist eine komprimierte Kurzfassung einer Monographie gleichen Namens. Die Gnosis ist eine Form von Religion für Menschen, „die lieber denken als glauben“ (Sloterdijk).
Als Religionsgemeinschaft trat sie in vielen unterschiedlichen Formen in der Spätantike auf und wurde bis zum späten Mittelalter heftig bekämpft (Katharer). Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts begann sie in Europa als konkurrierendes Denkmodell zur rationalen Aufklärung
wirksam zu werden. Pauen zeigt, daß das Werk vieler Denker und Schriftsteller (St. George, L. Klages, A. Kubin, Heidegger, Bloch, Lukacs, Jung, Musil) der Moderne ohne Wissen von der Gnosis nicht adäquat beschreibbar ist.

Reber, Ursula: Periphere Angelegenheiten/ Angelegenheiten der Peripherie. Einschreibungen in eine Karte von „Adiaphora“.http://www.kakanien.ac.at/beitr/fallstudie/UReber3/?page=12

Reif, Wolfgang: Kalter Zweifrontenkrieg. Der Grenzlandroman konservativer und (prä-)faschistischer Autoren der Zwischenkriegszeit. LiLi 24, 95 (1994), S. 30-50.
Der „Grenzlandroman“ wird in seiner historischen Entwicklung und in seiner Zielstellung (Publikumsrelevanz) beschrieben. Dazu versucht Reif, Motive und Stilelemente herauszuarbeiten, die für dieses Genre gattungsbestimmend sein können. Als einer der wenigen eröffnet er auch einen Ausblick auf den Grenzlandroman außerhalb Böhmens und Mährens.

Reisenleitner, Markus: Slashing Postcolonial Studies, or: Why this Debate still Bothers Me A Response to Clemens Ruthner’s “K.u.K. ‘Kolonialismus’ als Befund, Befindlichkeit und Metapher. www.yorku.ca/soi/_Vol_3_12/_HTML/reisenleitner.html

Ruthner, Clemens: K.u.K. –postkolonial – Fűr eine neue Leseart der österreichischen und benachbarten Literaturen. www.kakanien.ac.at/beitr/theorie/CRuthner1/

Scheier, Claus-Artur: Kitsch – Signatur der Moderne? In: Braungart, Wolfgang (Hg.): Kitsch. Faszination und Herausforderung des Banalen und Trivialen. Tübingen, Niemeyer, 2002, S. 25-34.
Im Unterschied zu Umberto Ecos Aufsatz „Die Struktur des schlechten Geschmacks“, der ebenfalls zu dieser Liste gehört und in dem eine auf die Struktur der jeweiligen Texte orientierte Kitsch-Theorie entwickelt wird, stellt Scheier in seiner Arbeit v.a. Fragen nach der komplexen Beziehung zwischen Kitsch und Moderne.

Scherpe, Klaus R.: Auf dem Papier sind Indianer weiß - im Ritual die Weißen farbig. Fremdheitsforschung in der Literaturwissenschaft. www.kakanien.ac.at/beitr/theorie/KScherpe1/

Schneider, Thomas/ Voigt, Dieter: Die trunkene Öffentlichkeit. Erläuterungen zu Remarques „Über das Mixen kostbarer Schnäpse“. In: Jahrbuch zur Literatur der Weimarer Republik 1 (1995), S. 11-25.
Die Studie zeigt, daß man gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts keinen Text eines Autors vernachlässigen darf. Die angebliche Anleitung für Barkeeper wird durch die textanalytische Interpretation zur ästhetischen Programmschrift und dadurch zur einzigen kunsttheoretischen Äußerung Remarques. Der Aufsatz von Remarque liegt der Studie bei.

Sprengel, Peter: Darwin oder Schopenhauer? Fortschrittspessimismus und Pessimusmus-Kritik in der österreichischen Literatur (Anzengruber, Kűrnberger, Sacher-Masoch, Hamerling). Amann/ Lengauer/ Wagner (Hg.): Literarisches Leben in Ősterreich 1848 –1890. Wien/Köln/Weimar: Böhlau Verlag, 2000. S. 60-94.


Steinwachs, Burkhart: Was leisten (literarische) Epochenbegriffe? Forderungen und Folgerungen. In: Gumbrecht, Hans Ulrich/ Link-Heer, Ursula (Hg.): Epochenschwellen und Epochenstrukturen im Diskurs der Literatur- und Sprachhistorie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1985. S. 312-324.


Titzmann, Michael: Vom „Sturm und Drang“ zur „Klassik“. „Grenzen der Menschheit“ und „Das Göttliche“. Lyrik als Schnittpunkt der Diskurse. In: Jahrbuch der Schiller-Gesellschaft XLII (1998), S. 42-63.

Die Diskursanalyse ist wohl die entscheidendste theoretische Weiterentwicklung des 20. Jahrhunderts. Allerdings neigen Diskursanalytiker eher zu umfangreichen Monographien. Diese Studie ist eine bemerkenswerte Ausnahme und gibt einen guten Einblick in die Möglichkeiten einer solchen Herangehensweise an die Literatur. Auch und gerade weil Titzmann erst sehr spät diskursanalytische Fragestellungen aufgriff, nachdem er in den 1970er/1980er Jahren als der führende Strukturalist des deutschen Sprachraums galt.

Weber, Max: Wissenschaft als Beruf. In: Weber,Max: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen, 1988, S. 582-613.
Nicht nur dank dem Begriff „Entzauberung“, den Weber in seiner 1919 an der Universität München gehaltenen Rede zur Charakterisierung der modernen Rationalisierungstendenzen verwendete und der schnell zum weit verbreiteten Schlagwort mutierte, sondern auch wegen seiner grundsätzlichen und noch immer aktuellen Überlegungen zur Stellung des Wissenschaftlers in der Moderne zählt „Wissenschaft als Beruf“ zu den zentralen Texten der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Studuj germanistikuStudijní oboryStuduj na UPŽurnál onlineKGN_TacesDB Erster WeltkriegNěmčina humanitních věd
Aktualizováno: 14. 12. 16, vytvořeno: 17. 12. 12,

Přihlásit

Pro přihlášení na web zadejte svoje uživatelské jméno a heslo: